Das Reputationsproblem der Agenturen

Oliver Gangnus
May 27, 2026
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Das Reputationsproblem der Agenturen ist selbstgemacht. Und es wird schlimmer.

Ich habe viele Jahre auf der Agenturseite verbracht. Ich kenne die Perspektive von innen: den Druck, Kunden zu begeistern, Pitches zu gewinnen, inhaltliche Arbeit gegen enge Budgets und enge Briefings zu verteidigen. Ich habe Respekt für das, was gute Agenturen leisten – und es gibt sie, die wirklich gut sind.

Aber ich habe auch die andere Seite erlebt. Als jemand der Agenturen steuert, bewertet und verantwortet. Und in dieser Rolle habe ich ein Muster beobachtet, das sich so konstant wiederholt, dass es kein Zufall mehr sein kann:

Agenturen haben ein Reputationsproblem. Und es ist keines, das ihnen widerfährt. Es ist eines, das sie sich systematisch selbst erarbeitet haben.

Dieser Text ist kein Angriff. Er ist ein Weckruf. An Agenturen, die sich fragen, warum Kunden ihnen nicht mehr glauben. Und an Auftraggeber, die verstehen wollen, warum das Zusammenarbeiten so oft zermürbt – und was sie daraus machen können.

Zuerst die unbequeme Wahrheit: Das Reputationsproblem ist real

Fragt man CMOs, Geschäftsführer und Marketingverantwortliche nach ihrer Erfahrung mit Agenturen, hört man erstaunlich ähnliche Dinge. Nicht überall, nicht immer – aber häufig genug, um ein Muster zu erkennen.

Man hört von Pitches, die brillant waren und Umsetzungen, die enttäuschend waren. Von Strategiepräsentationen, die beeindruckend aussahen und bei näherer Betrachtung wenig Substanz hatten. Von Abhängigkeiten die entstehen, weil Wissen nicht transferiert wird. Und von einem Grundgefühl, das sich schwer in Worte fassen lässt, aber jeder kennt der es erlebt hat: Das Gefühl, dass die Agentur vor allem an sich selbst denkt.

Das ist das Reputationsproblem. Nicht eine schlechte Kampagne. Nicht ein misslungenes Projekt. Sondern ein strukturelles Vertrauensdefizit, das sich über Jahre aufgebaut hat – durch immer ähnliche Erfahrungen, immer ähnliche Enttäuschungen.

Die fünf Muster, die das Vertrauen zerstören

1. Quereinsteiger als Geschäftsmodell

Die Agenturbranche ist eine der wenigen Industrien, in der Quereinsteiger systematisch in Positionen gelangen, für die sie formal nicht qualifiziert sind – und in der das lange als Vorzug galt. Frischer Blick. Diverse Perspektiven. Unverbrauchte Energie.

Das stimmt. Bis zu einem gewissen Punkt.

Das Problem entsteht, wenn Quereinsteiger in Rollen operieren, die fachliche Tiefe erfordern – und diese Tiefe nicht haben. Wenn jemand, der vor zwei Jahren noch in einem vollkommen anderen Kontext gearbeitet hat, heute Strategieempfehlungen für komplexe digitale Marketingarchitekturen gibt. Wenn Berufsbiografien, die in anderen Branchen oder Unternehmenskontexten schwierig wären, in der Agenturwelt problemlos weiterlaufen – weil niemand genau hinschaut.

Potenzial ist kein Ersatz für notwendiges Rüstzeug. Und Begeisterung ist kein Ersatz für Erfahrung.

Das ist kein Argument gegen Quereinsteiger. Es ist ein Argument dafür, dass Agenturen ehrlicher sein müssen darüber, was ihre Mitarbeiter tatsächlich können – und was nicht. Und dafür, dass Kunden genauer hinschauen sollten, wer bei ihnen tatsächlich am Tisch sitzt.

2. Strategie ohne Handwerk

Es gibt eine Aussage, die ich in Agenturpräsentationen immer wieder höre und die mich jedes Mal aufhorchen lässt: „Wir denken strategisch.“

Manchmal stimmt das. Häufiger ist es ein Claim, der nicht einzulösen ist. Nicht weil die Menschen nicht intelligent wären. Sondern weil Strategie im digitalen Marketing ein Handwerk ist – mit konkreten Anforderungen, konkreten Methoden, konkreten Outputs. Und dieses Handwerk haben viele Agenturen nie systematisch aufgebaut.

Eine substanzielle Marketingstrategie beinhaltet Zielgruppenanalyse, Kanalarchitektur, Budgetallokationslogik, KPI-Struktur, Annahmen über Customer Journeys und Mechanismen zur Erfolgsmessung. Wer das nicht aus dem Effeff durchdeklinieren kann, sollte nicht Strategie verkaufen.

Aber genau das passiert. Immer wieder. Strategiepräsentationen die gut aussehen und wenig hergeben. Empfehlungen die nicht von der Realität des Kunden ausgehen. Und Kunden, die das spüren – aber nicht immer benennen können warum.

Die Tendenz, über Strategie zu sprechen ohne das Handwerkszeug zu haben, ist eine der gefährlichsten Formen der Selbstüberschätzung – weil sie schwer zu entlarven ist, bevor der Schaden entstanden ist.

3. Abhängigkeit von Personen statt von Systemen

Fast jeder der mit Agenturen gearbeitet hat, kennt das Phänomen: Man gewinnt die Zusammenarbeit auf der Basis einer bestimmten Person. Der Account Director ist brillant. Der Kreativdirektor versteht das Geschäft. Und dann – sechs Monate später – ist diese Person weg. Auf ein anderes Projekt versetzt, zur Konkurrenz gewechselt, befördert in eine Rolle die sie aus der operativen Arbeit heraushebt.

Was bleibt, ist ein Team das die Vorgeschichte nicht kennt, ein Account der neu aufgebaut werden muss und ein Kunde der sich fragt, für was er eigentlich bezahlt.

Dieses strukturelle Problem ist in der Agenturbranche bekannt. Und dennoch wird es selten systematisch adressiert. Weil es unbequem ist: Weil Agenturen mit ihren besten Köpfen pitchen und dann mit dem verfügbaren Team liefern. Weil Mitarbeiterfluktuation in kreativen Branchen hoch ist. Und weil der Aufbau von institutionellem Wissen – das unabhängig von einzelnen Personen funktioniert – Arbeit kostet, die sich nicht direkt abrechnen lässt.

Das Ergebnis: Kunden bezahlen für Kontinuität und bekommen Diskontinuität. Und das Vertrauen in die Agentur als Institution – nicht als Ansammlung von Einzelpersonen – leidet.

4. Selbstverliebtheit als Kulturmerkmal

Agenturen sind Umgebungen, die Kreativität und Originalität belohnen. Das ist eine ihrer Stärken. Es ist auch einer ihrer blinden Flecken.

Denn in Kulturen, die sich selbst für kreativ und überlegen halten, entsteht leicht eine Form der Selbstverliebtheit, die den Blick auf den Kunden trübt. Man feiert die eigene Arbeit. Man liebt die eigene Ästhetik. Man ist überzeugt von der eigenen Analyse. Und man ärgert sich – manchmal gar nicht so still – wenn der Kunde das anders sieht.

Das manifestiert sich in kleinen Dingen: in der Art wie Feedback empfangen wird, in der Bereitschaft, eigene Entscheidungen zu hinterfragen, in der Fähigkeit, die Perspektive des Kunden als legitim anzuerkennen – auch wenn man anderer Meinung ist.

Und es manifestiert sich in einem grundlegenden Missverständnis darüber, wessen Erfolg hier eigentlich zählt. Nicht der Erfolg der Agentur bei Awards. Nicht das Portfolio-Stück. Sondern das Ergebnis beim Kunden.

5. Kollaboration als Lippenbekenntnis

„Wir arbeiten partnerschaftlich.“ Das steht in fast jedem Agentur-Pitch. Und es stimmt – solange alles gut geht.

Echte Kollaboration zeigt sich in schwierigen Momenten: wenn Ergebnisse hinter den Erwartungen zurückbleiben, wenn der Kunde eine andere Richtung einschlagen will, wenn internes Wissen transferiert statt einbehalten werden soll. In genau diesen Momenten entscheidet sich, ob eine Agentur tatsächlich im Interesse des Kunden handelt – oder primär im eigenen.

Was stattdessen häufig passiert: Wissen wird als Machtmittel eingesetzt. Abhängigkeiten werden aufgebaut statt reduziert. Und der Transfer von Kompetenz an den Kunden – der langfristig die beste Grundlage für eine stabile Geschäftsbeziehung wäre – wird vermieden, weil er kurzfristig das eigene Geschäftsmodell bedroht.

Bildquelle auf dieser Seite: Unsplash+

Warum es trotzdem so bleibt

Man könnte fragen: Wenn das alles bekannte Probleme sind, warum ändert sich dann so wenig?

Die Antwort ist strukturell. Agenturen operieren in einem Markt, in dem Pitch-Erfolg wichtiger ist als Kundenbindung, in dem kurzfristige Kreativleistung sichtbarer ist als langfristiger Vertrauensaufbau, und in dem der Wettbewerb so intensiv ist, dass kaum Zeit bleibt, an den eigenen Strukturschwächen zu arbeiten.

Hinzu kommt: Viele Kunden machen es leicht. Sie wechseln Agenturen häufig genug, dass Agenturen wenig Anreiz haben, in langfristige Beziehungen zu investieren. Sie briefen schlecht genug, dass Agenturen immer einen Teil der Verantwortung auf das Briefing schieben können. Und sie messen selten konsequent genug, um Underperformance klar zu benennen.

Das ist kein Freifahrtschein. Aber es erklärt, warum das System so stabil ist – obwohl alle Beteiligten ahnen, dass etwas nicht stimmt.

Was Agenturen tun könnten – und was Auftraggeber daraus machen sollten

Für Agenturen

Der einfachste Schritt ist der schwierigste: Ehrlicher werden. Darüber, was man wirklich kann. Darüber, wer wirklich an einem Projekt arbeitet. Darüber, was realistisch erreichbar ist und was nicht.

Agenturen, die das tun – die Grenzen benennen, Risiken kommunizieren und Kompetenz transferieren statt einbehalten – bauen das auf, was langfristig das wertvollste Geschäftsmodell ist: echtes Vertrauen. Und Kunden, die einmal eine solche Zusammenarbeit erlebt haben, kömmen nicht mehr zurück zur Alternative.

Für Auftraggeber

Schlechte Agenturen halten sich nur, weil Auftraggeber sie lassen. Wer nicht klar brieft, nicht konsequent misst und nicht bereit ist, unbequeme Gespräche zu führen, bekommt die Agenturbeziehung, die er verdient.

Das klingt hart. Es ist so gemeint. Denn die Verantwortung liegt auf beiden Seiten. Wer eine Agentur steuert, muss die Erwartungen klar setzen, die Leistung konsequent bewerten und bereit sein zu sagen, was nicht funktioniert – bevor der Schaden zu groß ist.

Und wer beim nächsten Agenturauswahlprozess sitzt, sollte weniger fragen: „Welche Cases habt ihr?“, und mehr fragen: „Wer sitzt tatsächlich an meinem Projekt? Wie transferiert ihr Wissen? Wie geht ihr mit Situationen um, in denen ihr falsch lagen?“

Die Antworten auf diese Fragen sind aufschlussreicher als jede Award-Präsentation.

Fazit: Ein Problem, das sich lösen lässt

Das Reputationsproblem der Agenturen ist real. Es ist selbstgemacht. Und es ist nicht unlösbar.

Es braucht Agenturen, die bereit sind, sich selbst ehrlicher zu betrachten – und Auftraggeber, die die Anforderungen stellen, die bessere Zusammenarbeit möglich machen.

Ich habe beide Seiten erlebt. Ich weiß, dass es anders geht. Und ich glaube, dass die Agenturen, die jetzt anfangen, diese Probleme systematisch anzugehen, in fünf Jahren in einer fundamental besseren Position sein werden als die, die weitermachen wie bisher.

Das Fenster ist offen. Aber es wird nicht ewig offen bleiben.

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Ich bin Advisor und Interim CMO und helfe Unternehmen dabei, digitales Marketing wirksam zu machen – nicht nur zu betreiben. Wenn du das Thema in deiner Organisation erkennst und darüber sprechen möchtest, freue ich mich auf den Austausch.

Oliver Gangnus
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